Passende Worte finden...

Ganzheitlichkeit & Co

Passende Worte finden...
© Andrea Fettweis-fotolia.com

von GastautorIn

Es ist wirklich zum Verzweifeln: Die gute, alte "Ganzheitlichkeit" schmeckt inzwischen nach "Steintürmchen an blauem Himmel", Yogakurs mit Bio-Ingwer-Tee auf Discounter-Kunststoffmatte, Gartencenter-Buddhas, kräutergrünen Wimmelbildchen, veganer Wellness mit Ausrufezeichen und Yakuzi - und, nicht zu vergessen - nach sauteurer, dafür hochachtsamer Lebenshilfe-Industrie.

Dies musst du tun (physiologisch) und das musst du tun (psychologisch) und auf keinen Fall jenes mehr (z.B. essen)! Und detoxen! Und trainieren! Und schädliche Glaubenssätze beackern! Und deine Vergangenheit enttraumatisieren und - jawoll! - dein inneres Kind zufriedenstellen. Sonst wird das nie was! Das kostet dich viel Arbeit! (Und viel Geld.) Klappt's trotzdem nicht mit der versprochenen ganzheitlichen Heilung, hast dich halt nicht genug angestrengt! Glück, Erfolg und Gesundheit gehen schließlich Hand in Hand!

Und da - beim letzten Punkt - muss ich doch zähneknirschend zustimmen. Aber ich hätt's halt gern ein bissele bodenständig formuliert. Deswegen fällt "holistisch" auch durch. Dass ein Mensch ein komplexes System darstellt, ist ja wahrlich nichts Neues. Für die Altvorderen war das eh klar (wie denn sonst?), und durch unsere Wissenschaftler ist es ein inzwischen dicht beforschtes Feld mit den schönen Namen "Psychoneuroimmunologie"  und "Psychoneuroendokrinologie".

Aber man sieht schon an diesen sperrigen Wortschöpfungen mit P, dass die medizinische Sprachkiste auch nix Griffiges für den Hausgebrauch und Normalmenschen enthält.
Bliebe noch, sich im esoterisch-spirituellen Wortangebot zu bedienen. Fazit: entweder zu pathetisch, zu achtsam, zu rosabrillig, reißerisch / vollmundig / übertrieben, zu einseitig, zu belehrend, zu (ab-)wertend, zu defizitfokussiert.

Dann wasch ich halt der "Ganzheitlichkeit" doch mal sämtlichen Marketingdreck ab und stelle sie dir in alter Frische vor:

Wir haben einen Körper.

Wichtig dabei ist das Wort "haben". Würden wir selbiges durch "sind" ersetzen, hätten wir ein gewaltiges Problem! In Körper wohnen unsere Seele, unsere Emotionen und Erinnerungen - Schmerz und Freude und alles dazwischen. Sogar unser Verstand braucht den sich bewegenden, fühlenden Körper, um artgerecht zu funktionieren.

Jede einzelne Zelle trägt und reagiert auf Erinnerungen sowie Gefühle, schaltet dabei Teile der DNA ein oder aus. Das kann Einfluss haben, ob eine Zelle bei der nächsten Teilung entartet oder nicht. Man vermutet, dass der Effekt generationenübergreifend wirken kann. Zu den Zellerinnerungen wird gerade recht ausführlich - leider nicht immer seriös - geforscht.

Leib, Verstand und Seele spielen zusammen wie ein Orchester. 
Damit das funktioniert, sind alle Beteiligte des Systems bestens miteinander vernetzt und kommunizieren ständig: über neuronale Schaltstellen, das vegetative Nervensystem, körpereigene Botenstoffe (Hormone). So wird z.B. Gewebespannung reguliert, Abwehr- und Heilungsprozesse eingeleitet, Stoffwechsel (Atmung und Verdauung) hochgefahren oder gedrosselt etc. Müssten wir das alles großhirnisch kontrollieren, wären wir längst tot. Trotz Yoga, Ingwertee und säbelzahntigerfreier Umgebung.

Da wir täglich unzählige, wichtige und unwichtige  Eindrücke zu verarbeiten haben, läuft ein großer Teil über das Unterbewusstsein, d.h. diese erscheinen gar nicht zur Entscheidungsvorlage in den grauen Zellen. Meistens funktioniert das prima. Unser Großhirn denkt dabei sogar, es hätte selbst entschieden und ist zufrieden. Und du auch ;)

Entscheidet unser Großhirn aber etwas, das dem Unterbewusstsein zuwiderläuft, reibts im Getriebe. Das macht der vorlaute Verstand ganz gerne, indem er dir Erwartungen einflüstert oder dich mit anderen vergleicht. Er schickt dir im Körper fühlbare Gefühle (drum heißen sie so), meistens irgendeine Form von Angst. Das können Wut, ein komisches Zaudern, Beklemmungen oder ähnliches sein. Ungünstige Körperhaltungen bzw. Bewegungsmuster werden dann auch gerne (ein-)genommen. Siehe hier:  http://im-prinzip-tango.blogspot.com/2017/02/das-trippeln-der-tango-und-die-angst.html

Das bedeutet für dein Ganzheitlichkeits-System Stress pur! 
Was nicht schlimm wäre, würde er nur kurz andauern, um eine Gefahrensituation zu meistern und in körperlichem Auspowern enden, was die Alarmhormone abbaut. Diese Reaktion ist jedoch für den chronischen Gebrauch nicht konzipiert!

Denn der Stress fährt erst mal dein Immunsystem herunter. Die Viren freut's, da leichtes Spiel. Entzündungen nisten sich subakut oder gleich gescheit in deinen persönlichen Schwachstellen ein (Gelenke, Gefäße, Verdauungstrakt, ...). Deine Zellen mögen in diesem Zustand kaum Nährstoffe und was ihnen sonst gut täte, aufnehmen. Oder dein Körper wehrt total übermotiviert-kampfberauscht gegen Stoffe, die dir mit Ruh' im Herz gar nichts ausmachten: Unverträglichkeit in Magen und Darm oder eine hübsche Allergie. Abhängig von der Grundkonstitution wird der eine Mensch dick, um in der vermeintlichen Lebensgefahr Vorräte anzulegen. Der andere verliert den Appetit, magert ab. Der Blutdruck erhöht sich oft. Unruhe und Schlafstörungen kommen meistens dazu. Und da dein Großhirn in lebensgefährlichen Situationen zu langsam denkt, schaltet unser System im Stressfall um auf reflexartiges Reagieren. Kreativität und Lebenslust haben dann selbstverständlich auch keinen Platz. Reparatur und Regeneration warten auf der langen Bank - die haben Auszeit. Heilen? Nicht jetzt! Lebensgefahr!

Was zwischen Unbewusstem und Bewusstsein nicht passt, ist oft gar nicht genau zu bestimmen. Manchmal entscheiden die seelischen Hinterbänkler aufgrund einer alten Erfahrung, die dich verletzt hat. Vielleicht erinnert sich der Rational-Denkapparat gar nicht mehr daran, wertet den Sachverhalt als irrelevant oder bezieht Aussagen auf sich, die gar nicht so gemeint waren (oder manchmal doch). Das muss aus der heutigen Sicht gar nichts Schlimmes gewesen sein. Trotz allem produziert dein Unbewusstes eine Wenn-Dann-und-Darum-Regel:  
"Wenn ich ... bin (setze ein Adjektiv deiner Wahl ein, z.B. "anders"),
dann passiert .... (Folge deiner Wahl, z.B. "soziale Ausgrenzung").
Daran ist klar zu erkennen, dass ... (Grund deiner Wahl, z.B. "ich nichts wert, arrogant, hässlich, zu dumm, ... bin").

Manchmal finden wir verkürzte Versionen ohne Interpretation abgespeichert: Einmal auf die heiße Herdplatte fassen reicht!

Neudeutsch: Ein Glaubenssatz! 

Wir alle haben solche internen Überzeugungen und Regeln en masse, und ein Großteil ist wirklich hilfreich! Das Großhirn hat so mehr Freiraum, es muss nicht ständig alles neu bewerten, sondern kann auf Bewährtes zurückgreifen. Manche dieser Glaubenssätze sind aber schlicht und einfach falsch, stimmen uns ängstlich, grantig, unglücklich. Fast immer, wenn dich etwas so richtig anpisst, trotz Ingwertee und Yoga, ist so eine ungute Überzeugung am Wirken. Diese Lügen spöken in deinem System herum, wie ein Virus auf der Festplatte deines Computers. Und wieder: Stress pur! Folgen: siehe oben. Und hintendrein kommen automatisch ungeliebte Gedankenschleifen aus dem Großhirn.

Die unbewusste Fraktion verfügt leider über kein Zeitgefühl. 
Triggert ein Außenimpuls das Verletzungs-Regel-Memory, wird Alarm im Jetzt eingeläutet. Denn die Aufgabe des Unterbewusstseins ist, dich zu schützen! Für Erfolge in der Welt dort draußen oder gar Glück ist es nicht zuständig. Nur schützen, deswegen wird es dich manchmal empfindlich ausbremsen. Sei ihm deswegen bitte nicht böse.

Aber was tun?
Oder muss man überhaupt schon wieder WAS TUN? Dran ARBEITEN? Hilft es, mit dem Hirn gegenzuhalten? Mit soviel Kraft wie möglich? Denn das Unterbewusstsein ist ein fast unüberwindbarer Kraftprotz! Da hast du keine Chance, sorry. Wusstest du, dass die gängigen Lebenshilfekonzepte, die lediglich dein intellektuelles Hirnkastl ansprechen, eine Versagerquote von 97 % zeigen? Es trotzdem zu versuchen, bringt wieder Stress pur auf allen Kanälen: Im Unbewussten, weil du etwas tun willst, was eben nicht deinen Überzeugungen entspricht (obwohl das teilweise nur stramme Lügen sind)? Das Unbewusste heißt so, weil es UNbewusst - dem Verstand nur in kleinen Teilen zugänglich - ist. Bearbeitbar nur über Bande, teilweise psychotherapeutisch. Dein Selbstbild knittert mit "Wieder nicht geschafft, du Versager", Angst-Beklemmung macht sich breit, und dein Körper wird mit Stress geflutet, was er nicht so gut findet und schmerzlich, entzündet, immungeschwächt reagiert. Und Schmerzen und Co sind auch effiziente Stressauslöser.

Egal, an welchem Faden des verknoteten Ganzheitlichkeits-Netzwerks man zieht, der gemeinsame Nenner ist der Stress. Und damit meine ich nicht den situativen, sondern den chronisch im Hintergrund schwelenden.

Logisch erscheint mir, zu ganzheitlichen Heilungszwecken erstmal den Stress zu reduzieren.
Eben nicht mit Gewalt daran zu ARBEITEN, Leistungen großhirnisch von den verschiedenen Fraktionen zu einzufordern, mit Gewalt bewältigen und böse mit sich selbst zu sein, wenn es nicht klappt. Daran bist nicht du Schuld, sondern unserer Natur zuwiderlaufende Konzepte.

Sind intellektuelles Hirnkastl, Unterbewusstsein und Körper bis hinab zu den einzelnen Zellen ruhig, kann Heilung beginnen. Den Selbstheilungsmodus haben wir alle eingebaut, wir müssen ihn nur arbeiten lassen! Psycho-neuro-endokrinologisch-immunologisch!

Dann arbeiten unsere Anteile zusammen, um dich soweit möglich in den Werkszustand zurückzuversetzen: zufrieden, Ruh' in Herz und Hirn, schmerzfrei, geschmeidig, kreativ und vor allem lebenslustig. Es wird dir sehr viel leichter fallen, mit klarem Kopf zu beurteilen, was du brauchst oder zu spüren, welche Therapie dir am wahrscheinlichsten helfen wird. Vielleicht siehst du nun ganz konkret, was du an deinem Umfeld ändern möchtest.

Stress reduzieren? Wie soll das gehen...
...dass sich Herz und Hirn nicht mehr streiten, sondern mögen und an einem Strang ziehen? Ungute Überzeugungen loswerden? Körperliche Symptome und Gefühle beeinflussen? Zur Ruhe kommen, in den Regenerationsmodus umschalten? Ohne sich anzustrengen? Häh?

Die Heilungsbitte: ein ganzheitlicher Heilungsvorschlag

Was genau an welchem Faden deines ganzheitlichen Netzwerks dranhängt, musst du dabei nicht wissen. Bitte einfach um Heilung! Steige mit deinem aktuellen Problem ein - mit deiner persönlichen, aktuellen seelischen Belastung wie Angst/Wut/Traurigkeit/Frust oder einer körperlichen Störung, z.B. Kreuzschmerzen, ständige Erkältungen oder was auch immer.

Sprich laut oder in Gedanken den folgenden Text. Fühl dich frei, in sprachlich so anzupassen, dass er dir gut von der Zunge schlüpft. Nimm als Anrede deinen persönlichen Favoriten. Geht das gar nicht, sprich mit deinem Unterbewusstsein. Namaste!

Ob du daran glaubst oder nicht, hat keinen Einfluss auf die Heilwirkung. Wohlig entspannend ist die ganze Geschichte auf jeden Fall und schafft Klarheit am Verstandeshimmel. Hier ist ein Teil deiner Heilung, den du selbst (ggf. andere Therapieansätze unterstützend) in Hand nehmen kannst.

In Klammern findest du Alternativvorschläge, Anmerkungen und Ergänzungen.


Bitte liebes (Universum / Gott / Schöpfer / Weltenmutter / ... )
finde und entwirre
alle mir sichtbaren und mir unsichtbaren Bilder
alle unguten Überzeugungen (schädlichen Glaubenssätze, einschränkende Lebensschwüre)
alle meine destruktiven Zellerinnerungen und die meiner Ahnen
alle körperlichen Dysbalancen und Lasten (körperliche Störungen, Schmerzen, ...)

zum Thema X (Problem X) und 
heile sie bis an die Wurzeln.

Bitte fülle mich dazu mit
Licht und Leben und Liebe.

(die ersten beiden nach Gusto ersetzen, Liebe muss :)

Bitte lass diese Heilung weit über meine Grenzen hinaus wirken.
("Grenzen" kannst du definieren, wie du magst. Können ja auch mehrere Bedeutungen haben: mental, körperlich, räumlich...)




Lege deine Hände auf dein Herz,
eine über der anderen. Welche oben liegt, ist egal. Spüre die Wärme. Wenn magst, denke an einen lieben Menschen oder eine schöne Situation. Lächeln ist hilfreich! Du darfst die Hände gerne sanft bewegen, als würdest du dein Herz streicheln. Bleib so für ein paar Minuten oder länger.

Dann lass deine Hände übereinanderliegend auf der Stirn ruhen,
die kleinen Finger etwa auf Augenbrauenhöhe. Du kannst dabei die Haut leicht verschieben, wenn du möchtest. Bleibe im liebevollen Gespür. Fühl die Wärme deiner Hände. Bleib ein paar Minuten oder länger. Vielleicht hilft dir dir Vorstellung, dein Gehirn zu streicheln.

Die nächste Hand-Station ist der Scheitel
(oder dort, wo selbiger wäre ;) Hirnstreicheln und Hautverschieben weiterhin erlaubt! Gönn dir auch hier schöne Gedanken. Ein paar Minuten, so lange es dir guttut.

Dann da capo, so oft du möchtest, oder belasse es bei einem Durchgang, ganz nach Gusto.
Vielleicht fällt dir ja, so entstresst, regeneriert, kreativ und lebenslustig wie du jetzt gewiss bist, ein hübsches Synonym für "ganzheitlich" ein? Prost mit Ingwertee und schönen Tag!

Herzliche Grüße,
Manuela 

P.S. Vera F. Birkenbihl fasst das wunderbar zusammen
https://www.youtube.com/watch?v=LtPZ3gKAZs0
 
Vielen Dank an Manuela Bößel für diesen beitrag - er erschien erstmalig als Blogbeitrag unter www.tangofish.de

Die Autorin: Manuela Bößel

Heilpraktikerin, Illustratorin und Autorin

www.tangofish.de/

 

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